Das Jahr 1904 war für den Wallfahrtsort Hardenberg ein großes Wallfahrtsjahr. Galt es doch, den 50. Jahrestag der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria zu feiern. Am 11. September wurde das Gnadenbild von Hardenberg im Auftrage des Papstes von Kardinal Fischer (Köln) in großer Feierlichkeit gekrönt. An diesem Tage waren, so berichten alle amtlichen Unterlagen, 40.000 Pilger in Neviges. Zwei Bilder von den Feierlichkeiten sind noch im Klosterarchiv erhalten.

Gnadenbild in Neviges: "Maria, die Unbefleckte Empfangene" (Kupferstich 17. Jh)An diesem 11. September 1904 wurde der Beschluss gefasst, eine neue, große Wallfahrtskirche zu bauen. Der Grundstein sollte schon im nächsten Jahr gelegt werden. Doch wie bei allen großen Bauvorhaben kommen erst im nach hinein die Probleme! Man muss bedenken, dass das Gelände am Ort verschiedene Höhenlagen hat. Auch kann man aus einer einmaligen Begeisterung nicht sogleich Aktionen durchführen. Es zog sich daher hin, bis 1909 Pater Wenzeslaus Straußfeld zum Oberen des Klosters und gleichzeitig zum Pfarrer der Gemeinde bestellt wurde. Dieser Pater schaffte durch die Aufkäufe der Häuser in der Klosterstraße erstmals die Möglichkeit, den Grund und Boden zum Bau einer neuen Kirche bereitzustellen.

Auch existierten schon aus der damaligen Zeit feste Pläne. Es lagen Entwürfe vor, die einiges versprachen. In den Anlagen habe ich noch vorhandene Zeichnungen beigefügt. So hatte man auch finanziell gut vorgesorgt. Dann aber kam der Krieg 1914. Die Folgen: Alle Dinge ruhten und erlebten zum Ende die große Inflation, die die ältere Generation noch lebhaft im Gedächtnis hat. Über Nacht waren alle Gelder zerflossen.

Und doch gingen die Planungen weiter, wenn auch nicht in dem Maße wie im Jahre 1904. Es tauchten verschiedene Pläne auf, die aber nie ernsthaft realisiert wurden. Eine Periode kam, in der man sich mehr für Gottesdienste im Freien interessierte. In dieser Zeit entstanden die Anlagen des Marienberges. Das Gelände hatte man zu einem günstigen Preis erworben. Eine große Kirche brauchte dagegen auch ein gehöriges Kapital. Man muss bedenken, der Orden musste alles selbst finanzieren, und das war in den Nachkriegszeiten unmöglich. Die Menschen in der damaligen Zeit hatten einfach nicht den Mut zu großen Opfern. Ein Stichwort genügt: Massenarbeitslosigkeit!

Erst in den Jahren 1930/31 tauchte wieder ein Plan auf von dem Architekten Clemens Holzmeister (Düsseldorf / Wien). Er hing lange Jahre im Treppenhaus des Klosters, ist aber heute nicht mehr zu finden. Dieser Plan sah wieder eine Kirche in der Längsachse der Klosterstraße vor. Aber, durch die schon erwähnten Höhenunterschiede bedingt, plante der Architekt eine Kirche mit vielen Treppen und Absätzen, um zum Ende ein Plateau zu finden, auf dem die eigentliche Kirche stehen sollte.

Die Ausmaße waren aber ungünstig in der Länge (weniger als die alte Kirche, etwa vom Portal bis zur Kommunionbank reichend), indes 15 Meter breiter. Man möge es mir bitte glauben, denn ich habe sie selbst vermessen. Warum dann doch nichts geschehen ist, kann ich nicht nachweisen. Es sind keinerlei Unterlagen vorhanden. Im Übrigen war sie in dem Stil wie so manche Kirchen und Profanbauten dieser Jahre. Ich möchte erinnern an die Bauten in Düsseldorf zur "Gesolei" 1926, Ehrenhof, Planetarium, St. Bruno, St. Albert, St. Bonifatius.

Blättern wir in den alten Wallfahrtschroniken: Da findet man immer wieder den Ruf nach einer neuen oder wenigstens einer Ausweichkirche für den Wallfahrtsbetrieb. So lesen wir unter anderem:

12. Juli 1925: "Wann fangen wir an mit dem Neubau einer großen Wallfahrtskirche ... ?"
1925: "So müssen sich die Prozessionen vor der Kirche auflösen oder in die Kirche hineindrängen (die sowieso schon überfüllt ist), wo dann nach der hl. Messe der Begrüßungssegen erteilt wird."
16. Mai 1926: "Heute zeigte es sich mal wieder klar, wie notwendig eine zweite Kirche ist. Auch tauchte der Gedanke auf, eine überdachte Halle zu bauen als Aufenthaltsraum für die Pilger bei Regenwetter."
16. Mai 1926: "Ein Levitenamt folgte dem anderen."
19. Sept. 1926: "Beim Andrang zur Kommunion um 7:00 Uhr sah man wieder, wie notwendig eine zweite Kirche ist."
21. Okt. 1928: "Wann kommen wir zu einer neuen Kirche! Wäre es nicht an der Zeit, da gerade jetzt ein reger Wallfahrtsverkehr zu verzeichnen ist?"
04. Nov. 1928: "Kollision mit Pfarrveranstaltungen. Im vorigen Jahr waren an diesem Tage 1.300 Pilger anwesend und heute wieder."
07. Juli 1929: "Wegen Regen sind Pilger vom Marienberg zur Kirche gelaufen. Alles überfüllt!"

Dies sind nur Auszüge aus den Chroniken. Leider sind diese sehr lückenhaft geführt. Es gab dann noch einen Kirchenbauplan aus dem Jahre 1934. Ich selbst war zu der Zeit schon in Neviges, habe aber keine Erinnerung, dass darüber jemals gesprochen wurde.

Die Wende kam erst nach dem 2. Weltkrieg im Jahre 1957, jedoch eigentlich 1958/59. Der damalige Kölner Weihbischof Wilhelm Cleven logierte bei Firmungsreisen immer im Kloster. Anlässlich einer solchen Reise regnete es, was nur zu regnen war. Da er die Gewohnheit hatte, stets auf der Orgelbühne zu meditieren, sah er sich mit der Misere konfrontiert: Strömender Regen, eine überfüllte Kirche, Menschen drängten immer mehr hinein und kein Ausweg. An der Tür zu der Empore traf ich mit ihm zusammen. Er sagte: "Nein, meine Herren, so geht das nicht weiter. Ich werde in Köln mal was unternehmen." Wir wussten damals nicht, dass er ein großer Freund von Joseph Kardinal Frings war.

Das wurde uns erst viel später bekannt. Jedenfalls bahnte sich bald ein größerer Schriftwechsel an mit folgendem Ergebnis: Am 8. Dezember 1959 gab der Weihbischof im abendlichen Pontifikalamt bekannt, dass sich die Diözesanbehörde zu einem Neubau entschlossen habe! Im Klartext: In Köln sei ernstlich erwogen worden, eine neue Wallfahrtskirche zu bauen.

Die Freude unsererseits war natürlich groß! Konnten wir doch nun in aller Öffentlichkeit diesen Gedanken weitertragen. Doch es sollte noch etwas dauern. Und nun einige recht persönliche Gedanken zu dem ganzen Komplex "Neue Wallfahrtskirche". Über das "Für und Wider" einer neuen Kirche kann man geteilter Meinung sein. Die Fakten: Die alte Kirche hatte nur 167 Sitzplätze. In vielen Jahren ein Zustrom von ca. 10.000 Pilgern an Sonn- und Feiertagen! Oft viel mehr! An den Werktagen zwischen 500 - 4.000 Pilgern! Zum Wetter einige Zahlen aus meinem privaten Tagebuch:

1956: "An 26 Tagen waren wir bei gutem Wetter zu den Pilgerandachten auf dem Marienberg wegen der großen Pilgerzahl." Im gleichen Jahr wären wir gut und gerne aber noch weitere 34 mal auf den Marienberg oder Kreuzberg gegangen, doch es regnete!
1957: 31 mal wegen Regen in der Kirche- 17 mal auf dem Marienberg
1958: 40 mal Regen - 25 mal draußen
1959: 25 mal Regen - 23 mal draußen
1960: 55 mal Regen - 25 mal draußen

Es bestand die Tendenz, nicht in die überfüllte Kirche, sondern, wenn eben möglich, nach draußen zu gehen oder Parallelandachten oder zeitversetzte Gottesdienste durchzuführen. Die Regel war: Bis 1500 Pilger zum Kreuzberg, was darüber war zum Marienberg. Alles das bezieht sich nur auf die Nachmittagsandachten! Nicht eingerechnet sind die vielen eigenen Gottesdienste der Prozessionen. Fast alle wollten eben ihren Gottesdienst, das heißt Messen, Kreuzweg und Andachten, eigens gestalten. Eine "Konzelebration" existierte eben noch nicht! So kam es, dass eine Vielzahl Heiliger Messen am Tage gelesen wurden. Notizen zeigen bis zu 40 an einigen Tagen! In der Kirche standen - mit Oratorium - fünf Altäre zur Verfügung. Wenn es eben möglich war, wich man auf die beiden Berge aus. Von der Wallfahrtsleitung wurde, neben den eigenen Messen der Prozession, zusätzlich an Sonn- und Feiertagen auf dem Nazarethplatz um 10:00 Uhr eine Heilige Messe gelesen. Zu dem Zweck kam ein Pater aus Mönchengladbach, zum Austeilen der heiligen Kommunion ein Diakon aus Gladbach oder dem Dominikaner-Klerikat Walberberg. Dazu ein noch ein Bruder aus Düsseldorf, um bei der Verehrung des Gnadenbildes und im allgemeinen zu helfen. Die Kommunionausteilung erfolgte ab 8:00 Uhr alle Viertelstunden. Das ging auch während der Messen durch. Ab 11:00 Uhr begann dann die Verehrung des Gnadenbildes. Da das Bild oben im Gnadenaltar zu weit entfernt war, musste es den Pilgern einzeln dargereicht werden. Das ging dann oft so bis nach 14:00 Uhr, auch während der Messe um 11:15 Uhr. Also stundenlanges Kommen und Gehen.

Warum ich dies alles so eingehend beschreibe? Die heutige Generation kann sich einfach keinen Begriff davon machen, was es an Bewegung und Gedränge gab. Erst die Nachkonzilszeit hat mit der "Konzelebration" der Feier der Heiligen Messe ein anderes Aussehen gegeben. Auch die Lockerung des Nüchternheitsgebotes brachte für die Priester und Gläubigen eine Erleichterung. Zu alledem ist zu beachten, dass die Pilger noch mit der Bahn nach Neviges gelangten. An Sonntagen liefen von 8:00 Uhr bis 10:00 Uhr alle halbe Stunden Sonderzüge ein. Erst später kamen Busse auf. Diejenigen, die mit dem Zug angekommen waren, blieben den ganzen Tag über im Ort. Erst die Busse brachten andere Verhältnisse mit sich. Man hielt sich nicht mehr ständig hier auf, man verband mit der Wallfahrt auch Ausflugsfahrten. Doch die Gottesdienste blieben gleich. Zu jeder vollen Stunde wurde zwischen 6:00 Uhr und 20:00 Uhr ein Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, oft auch werktags gehalten.

Und noch einige 'Überlegungen, die es wert sind, der Nachwelt zu überliefern. Zu all dem kamen die Seelsorgedienste der Pfarrei: Trauungen, Taufen, Requiems, Predigten, Katechesen, Kindergottesdienste. Lange Jahre waren die Taufen in die Sakristei verbannt. Auch habe ich es erlebt, dass Trauungen in der Sakristei stattfinden mussten! Das brüderliche Verhältnis im Haus wurde gestört. Manche Unannehmlichkeiten trugen zu Zerwürfnissen bei. Die Sonntagsgottesdienste für die Kinder waren schon in die Kapelle des Josefhauses ausgelagert. Als Auswegmöglichkeiten auch hier: Marienberg und Kreuzberg. Jedoch alles kann man organisieren, einteilen, vorherberechnen, nur das Wetter nicht! Unzählige Male ist es geschehen, dass die besten und größten Feierlichkeiten wegen Regen und Gewitter einfach platzten und in einem Chaos endeten. Menschenmengen rannten von den Bergen zur Kirche, die aber schon längst überfüllt war. So schön alle Gottesdienste im Freien sind, dieses Risiko ist immer einzukalkulieren. Wir bauten stets die nötigen Dinge - Bischofsthron, Priestersitze u. a. m. einmal in der Kirche auf für den Fall des Regenwetters und gleichzeitig auf den Bergen, um bei dem Andrang hinauszuziehen.

Das Hinausziehen der Prozessionen auf den Marienberg erforderte eine freie Straße bzw. ein Anhalten des Straßenverkehrs. Doch die zunehmende Dichte des Verkehrs ließ einfach keine Unterbrechung mehr zu. Einige Exempel aus den Jahren 1956/57 bewiesen: Nur fünf Minuten Straßensperre verursachten zu beiden Seiten bereits bis zu zwölf Kilometer Stau, wobei die örtliche Polizei stets freundlich zur Hilfe war. Es ist vorgekommen, dass die Polizei aus Wuppertal anrückte, um nach der Ursache zu forschen.

Dann noch ein Problem: Aus den oben angegebenen Tatsachen ergab es sich, dass wir oft mit dem Gnadenbild einsam auf der Straße standen, umgeben von einigen Ministranten. Die Pilger hatten den Marienberg gestürmt, um noch einen Sitzplatz zu bekommen, obwohl wir den ganzen Tag über versichert hatten, es seien 4.600 Sitzplätze vorhanden. Ein besonderes Problem war der Beichtbetrieb: Man bedenke: Früher war es üblich, vor dem Empfang der Heiligen Kommunion erst zu beichten, zumal am Wallfahrtsort! Viele Priester animierten ihre Pilger geradezu, einmal bei einem fremden, einem "neutralen" Beichtvater zu beichten! Es bleibt die Frage, ob bei all den Beichten in der prallvollen Kirche, bei Orgelspiel und Gesang noch von einem würdigen Empfang des Bußsakramentes gesprochen werden konnte.