Doch nun zu den einzelnen Neubearbeitungen: Dazu erlaube ich mir, einige recht persönliche Bemerkungen zu machen, die einfach aus der Praxis eines langjährigen Wallfahrtsbetriebes zu verstehen sind (siehe die Bemerkungen zu den einzelnen Entwürfen).

Der zweite Durchgang folgte nach Einreichung der verbesserten Entwürfe.

 

Niederschrift
über die Sitzung der Gutachter vom 12. März 1964
zu den Entwürfen für die Wallfahrtskirche in Neviges

Im Katholischen Vereinshaus zu Neviges trafen sich um 10.20 Uhr:

1. Dombaumeister Prof Dr. Ing. Weyres, Köln
2. Landeskonservator Prof. Dr. Wesenberg, Bonn
3. Stadtbaurat a. D. Alfons Leitl, Rheydt, Marktstr. 31,
4. Erzbiözesanbaumeister Schlombs, Köln
5. Baurat Genuit, Stadt Neviges
6. Architekt Dipl.-Ing. Rosiny BDA, Köln
7. Stadtdirektor Willebrand, Stadt Neviges
8. H. H. Pater Hadumar Herwig, Essen
9. H. H. Pater Guardian, Rufinus Reifenrath
10. H. H. Pater Pastor, Paschalis Ruez

Als Gäste:  Herr Paaß, Kirchenvorstand, Herr Sparkassendirektor Schütze, Kirchenvorstand, Bruder Alex Turinsky

Als Schreibkraft: Fräulein Kaiser, Stadt Neviges.

Den Vorsitz führte Dombaumeister Prof. Dr. Ing. Weyres, Köln.

Der Bauherr hatte fünf Architekten des 1. Wettbewerbs aufgefordert, ihre Entwürfe zu überarbeiten und zwar:

Architekt Alexander Freiherr von Branca, München
Architekt Kurt Faber, Köln
Architekt Josef Lehmbrock, Düsseldorf
Architekt Prof. Joachim Schürmann, Köln
Architekt Prof. Gottfried Böhm, Köln

Alle fünf Herren haben einen überarbeiteten Entwurf eingereicht. Da es sich um eine Überarbeitung der Entwürfe handelt, die dem Preisgericht bekannt sind, wird auf die Geheimhaltung der Namen verzichtet. Zu den eingereichten Entwürfen äußern sich die Gutachter wie folgt:

2. Entwurf - Architekt Alexander Freiherr von Branca, München
Der Verfasser hat die im 1. Entwurf strenge Form des Kreuzes aufgelöst. Die Folge ist ein Zerfließen des Baukörpers und des Raumes. Die Gutachter sind der Meinung, dass der Verfasser seinen Entwurf nicht verbessert hat.

2. Entwurf - Architekt Kurt Faber, Köln
Der Verfasser verlässt die quadratische Form des 1. Entwurfes und sucht eine neue Gliederung im Grundriss und Aufbau. Bei dem Entwurf besticht die große Form. Für die gestellte Aufgabe einer Wallfahrtskirche sind weder die vorgeschlagenen kurzen Zuwege noch der Raum selbst in besonderem Maße geeignet. Hätte eine Pfarrkirche gebaut werden sollen, so würde man über die angebotene Lösung durchaus diskutieren können. Wie bei allen Kirchen mit dreiseitiger Bankordnung, die eine gewisse Größenordnung überschreiten, ist auch hier ein geeigneter Ort für die Kanzel nicht zu finden.

2. Entwurf - Architekt Josef Lehmbrock, Düsseldorf
Die Vorstellung des Verfassers, neben das alte Heiligtum ein Zelt zu setzen, ist an sich eine vertretbare Idee. Es scheint den Gutachtern jedoch, dass die Anbindung der niedrigen Nebenräume an das fünfzackige Zelt des Mittelbaues nicht überzeugend gelungen ist. Die gewählte Bauform verträgt nicht die vorgeschlagene Anbindung an den Altbau. Im Inneren sind zu viele ungleichwertige Elemente gleichwertig angeordnet.

2. Entwurf - Architekt Prof. Joachim Schürmann, Köln
Der Verfasser hat das Prinzip seines Wettbewerbsentwurfes beibehalten, die Massen reduziert und den Innenraum durch Einstellen von Säulen gegliedert. Der Vorschlag hat durch diese Maßnahme gewonnen. In diesem Raum ist jedoch ein überzeugender Standort für die Kanzel nicht zu finden. Der obere Raumabschluss wird, wie schon beim Wettbewerbsentwurf, als zu lastend empfunden.

2. Entwurf - Architekt Prof. Gottfried Böhm, Köln
Der Verfasser hat das Prinzip seines Wettbewerbsentwurfes im Grunde beibehalten, jedoch ein Maß gefunden, das der Situation angemessen ist. Dadurch sind die früher geäußerten Bedenken zum guten Teil ausgeräumt.

Der entscheidende Wert der Gesamtanlage liegt in der vorbereitenden Raumfolge, die den Wallfahrer stufenweise zum Höhepunkt leitet. Durch den Verzicht auf die bergseitige Bebauung des Wallfahrtsweges ist eine glückliche Verbindung mit dem Hang erreicht. Ein Gleiches erreicht der Verfasser auch dadurch, dass er den Glockenturm von der Baumasse löst und jenseits der bergseitigen Straße zu errichten vorschlägt. Die kleingliedrige Bebauung der Vorplätze steht jetzt in einem guten Verhältnis zu dem alten Kloster.

Der Kirchenraum erfüllt in seiner Grundrißdisposition die Erfordernisse einer Wallfahrts- und Predigtkirche. Der Verfasser hat seinen Vorschlag auch hinsichtlich des Baukörpers der Kirche, gegenüber dein 1. Entwurf, entscheidend verbessert. Doch scheint den Gutachtern eine weitere Vereinfachung der Formen und eine Reduzierung der Höhen empfehlenswert. Die Anbindung der Sakristei an den Altbau ist brutal.

Die Gutachter sind der Meinung, daß der von Prof. Böhm vorgelegte Entwurf von allen Entwürfen in dieser Situation das Wesen einer Wallfahrtskirche am besten trifft. Wenn sie sich auch von den bei der Besprechung des Wettbewerbsentwurfes geäußerten formalen Bedenken nicht ganz zu lösen vermögen, empfehlen sie dem Bauherrn, Professor Böhm zur weiteren Bearbeitung der Aufgabe heranzuziehen. Wesentlich ist dabei, daß die vom Verfasser vorgeschlagene Bebauung des Wallfahrtsweges von vornherein in ihrer Gesamtheit realisiert wird.

 

gez. Weyres
gez. Wesenberg
gez. Genuit
gez. Rufinus Reifenrath
gez. Hadumar Herwig
gez. W. Schlombs
gez. Rosiny
gez. Alfons Leitl
gez. W. Willebrand
gez. Paschalis Ruez

 

- Ende der Niederschrift -

 

 

2. Entwurf - Architekt Alexander Freiherr von Branca, München

2. Entwurf - Architekt Alexander Freiherr von Branca, MünchenAuch er bleibt bei dem Gedanken, die Kirche vor das Kloster zu setzen. Aus der Kreuzform des ersten Entwurfes wurde ein vielgestaltiges Objekt. Man sieht sehr deutlich den Zwang nach Einengung. Auch hier die Frage: Warum nicht in die Höhe? Ich habe Herrn v. Branca nie gesehen oder gesprochen, kann daher nicht seine Meinung aus erster Hand wiedergeben. Der Entwurf fand keine große Begeisterung (siehe Bericht der Sitzung).

 

 

2. Entwurf - Architekt Kurt Faber, Köln

2. Entwurf - Architekt Kurt Faber, KölnIm Gegensatz zu seinem ersten Entwurf dachte der Architekt an eine große Hallenkirche mit drei Schiffen. Standpunkt quer über die Klosterstraße. Die Eigentümlichkeit: Den Altartrakt zum Bahnhof hin! Die Eingänge seitlich. Auch ist ein Eingang links vom Altartrakt zu sehen.

Idee des Architekten: Die Pilger kommen vom Bahnhof oder Parkplatz, steigen die Höhe hinan bis zur Hälfte der Kirche oder benutzen den linken Eingang, um dann nach rechts in den Kirchenraum zu gelangen. Ob ein Eingang von der entgegengesetzten Seite vorgesehen war, ist mir heute nicht mehr in Erinnerung. Verbindung mit dem Kloster nur über einen Weg im Freien.

Hätte der Architekt die Kirche in umgekehrter Richtung geplant! Ich glaube, die Idee hätte schon Anklang gefunden. Warum nicht wie Böhm einfach die Idee, von der Bahnhofswiese weg den Bau auf die Höhe gesetzt?

 

2. Entwurf - Architekt Josef Lehmbrock - Düsseldorf

2. Entwurf - Architekt Josef Lehmbrock, DüsseldorfDer Architekt behält den Zeltcharakter bei. Doch wieder der Platz! Wieder die Frage, warum nicht in die Höhe des Terrains? Alles steht auf dem kurzen Raum zwischen Bahnhof und Kloster.

Der Entwurf fand wenig Begeisterung und wurde abgelehnt.

 

 

 

2. Entwurf - Architekt Prof. Joachim Schürmann, Köln

2. Entwurf - Architekt Prof. Joachim Schürmann, KölnDie gleichen Argumente wie auch bei den vorherigen Entwürfen. Die Dimensionen sind zwar reduziert, doch warum nicht wie Böhm?

 

 

 

 

 

2. Entwurf - Architekt Prof. Gottfried Böhm, Köln

2. Entwurf - Architekt Prof. Gottfried Böhm, KölnDer Architekt bleibt bei seinem ersten Entwurf und setzt seine Kirche auf den Platz im Klostergarten, zwar stark reduziert, dafür aber mit einem geräumigen Pilger weg, abseits vom Straßenverkehr. Im Ganzen nach den Vorstellungen von Kardinal Frings. Durch die Hanglage bedingt, findet auch er nur die Möglichkeit einer gestuften Anlage. Erst bei einem späteren Einwand des Herrn Kardinals sind die Treppenstufen nicht ganz durchgeführt worden. Er dachte in weiser Voraussicht an alte und behinderte Pilger. So wurde auf seine Veranlassung ein breiter Weg ohne Treppen freigegeben.

 

Der Plan eines neuen Klostergebäudes wurde der enormen Kosten wegen fallengelassen. Spätere Diskussionen brachten zwar den Gedanken, doch ein neues Kloster statt der hässlichen Mauer zu bauen. Doch dazu war es dann zu spät. Die Mauer musste her, um der anliegenden Straße Halt zu geben.