Pfarrkirche "St. Mariä Empfängnis"

Die ehemals selbstständige Stadt Neviges ist ein über 300 Jahre alter Wallfahrtsort, der älteste zur Unbefleckten Empfängnis Mariens nördlich der Alpen.

Seine Besonderheit liegt auch darin, dass die Wallfahrtsstätte in einem fast ausschließlich protestantischen Umfeld entstanden ist, und bis heute ist die Mehrheit der Einwohner evangelisch-reformiert.

Nachdem die Bewohner der ehemaligen Herrschaft Hardenberg schon Ende des 16. Jahrhunderts zum reformierten Glauben übergetreten waren und auch die Pfarrkirche in Besitz genommen hatten, ließ die spätere katholische Herrin von Hardenberg, Freifrau Anna von Bernsau, geb. von Asbeck, 1670 wieder eine kleine katholische, der heiligen Anna geweihte Kirche bauen. Sie rief auch Franziskaner zur Missionierung nach Neviges und schenkte ihnen bei ihrer Ankunft 1676 „die neuerbaute Kirche nebst bequemem Platz für eine geistliche Wohnung und anliegenden Garten“. Der zweite Guardian P. Caspar Nießing legte am 20. Juli 1681 den Grundstein für den Bau eines Klosters.

Im gleichen Jahr wurde aus dem Franziskanerkloster in Dorsten ein kleiner Kupferstich der Unbefleckten Empfängnis infolge einer Erscheinung zur Verehrung nach Neviges gebracht („Bring mich nach dem Hardenberg, da will ich verehret sein!“). Davon hörte der schwer kranke Fürstbischof von Paderborn und Münster, Ferdinand von Fürstenberg, und kam nach seiner Genesung aufgrund eines Gelübdes am 25. Oktober 1681 zur Dankwallfahrt. Er ließ als „Dank an die gütige Gottesmutter“ den Klosterbau mit 18 Zellen bis 1683 vollenden. Das bezeugt eine steinerne Votivtafel über der Klosterpforte.

Seit dieser Aufsehen erregenden ersten Wallfahrt, an der auch der Abt von Werden und der bergische Landesherr, Herzog Johann Wilhelm II., teilgenommen hatten, pilgerten zahlreiche Gläubige aus der näheren und weiteren Umgebung in Prozessionen zur Verehrung des Gnadenbildes der Immaculata nach Neviges. Seit Beginn der Wallfahrt stieg allmählich auch die Anzahl der Katholiken im Hardenbergischen. In Neviges entstand wieder eine Pfarrgemeinde, da die Franziskaner nicht nur die Wallfahrer geistlich betreuten, sondern ihnen schon 1679 die Pfarrseelsorge in der Herrschaft Hardenberg übertragen und 1697 durch den Kölner Nuntius „auf ewig verbrieft“ worden war.

Auch die Anna-Kirche musste wegen der vielen Pilger vergrößert werden, was im Wesentlichen zu einem Neubau führte, der 1728 fertig gestellt und mit dem Patrozinium „St. Mariä Empfängnis“ geweiht wurde. Sie war in ihrer heutigen Gestalt gleichzeitig Kloster-, Pfarr- und bis 1968 auch Wallfahrtskirche.

Der schlichte Kirchenbau hat einen nach Süden ausgerichteten Chor. Die Nordfassade ist mit Giebelportal (Ädikula), Pilastern, ionischen Kapitellen und geschweiftem Volutengiebel im Barockstil ausgeführt, dagegen weisen Kirchenschiff und Chor außen an den Spitzbogenfenstern und den Strebepfeilern gotische Elemente auf. Der sechsseitige barocke Dachreiter mit offener Glockenstube betont die einfache Architektur einer franziskanischen Klosterkirche.

Das Innere zeigt die Gestalt einer einschiffigen Hallenkirche mit gotischem Chor und acht Jochen in Form von Kreuzgratgewölben mit tief eingeschnittenen Kappen. Die Empore hinter Spitzbogenarkaden über dem Säulengang der rechten Seite diente ursprünglich als zusätzlicher Raum für die Aufnahme von Pilgern.

Die prunkvolle Ausstattung beeindruckt vor allem durch den barocken ehemaligen Gnadenaltar aus schwarz-grauem Marmor (um 1690), eine Stiftung des bergischen Herzogs Johann Wilhelms II.; der Hochaltar, der Orgelprospekt, das Chorgestühl, die Kanzel und Beichtstühle sind herausragende Beispiele des frühen Rokoko (1. Hälfte des 18. Jh.). Den reichen Skulpturenschmuck ergänzt im Hochaltar seit 1952 ein Gemälde der Himmelfahrt Mariens. Es ist ein Werk des Venezianers J. Palma il Giovane (gest. 1628), eines Schülers von Tizian.

Seit dem 1. Januar 2010 gehört die Kirche St. Mariä Empfängnis zusammen mit der Kirche St. Antonius von Padua in Velbert-Tönisheide zur neu entstandenen Pfarrei „Maria, Königin des Friedens“.

© 2015 Gerd Haun