2) August Scheidgen: Walfahrtskirche (P), Velbert-Neviges 1917
3) Clemens Holzmeister: Wallfahrtskirche (P), Velbert-Neviges 1931
4) Paul Johannbroer: Sommerkirche (P), Velbert-Neviges 1958

Die Wallfahrt nach Neviges hat ihren Ursprung im späten 17. Jahrhundert. Sie wurde von der bergischen Landesherrschaft im Zuge der Gegenreformation initiiert, um die evangelisch gläubige Bevölkerung des Territoriums zum katholischen Glauben zurückzuführen. (4) Zum ersten Mal in Deutschland wurde hier die Unbefleckte Empfängnis Mariens zum Ziel einer Wallfahrt – eine bewusst kontroverse, antireformatorische Widmung. (5) Deshalb führte die Wallfahrt nach Neviges immer wieder zu konfessionellen Spannungen, wenngleich auch die evangelisch gläubige Bevölkerung des Ortes sich im Laufe der Zeit mit dem Pilgerverkehr arrangierte, da sie wirtschaftlich von ihm profitierte. (6) In jedem Fall entwickelte sich Neviges zur bedeutendsten Wallfahrtsstätte im Bistum Köln, mit etwa 179.136 Wallfahrern im Jahr 1963. (7)

Die konfessionelle Außenseite der katholischen Wallfahrt im evangelischen Ort Neviges wird in der Randlage der Wallfahrtseinrichtungen deutlich. Sie entstanden in der Enge zwischen dem äußersten nördlichen Siedlungsrand und dem anschließenden Bergrücken. Dort entstand 1670 zunächst eine kleine St.-Anna-Kapelle. (8) 1680 bis 1683 wurde dann neben der St.-Anna-Kapelle für die von der Landesherrschaft zur Entfaltung gegenreformatorischer Aktivitäten herbeigerufene Franziskanermönche ein Kloster errichtet. (9) Schließlich ersetzte man die Kapelle durch die 1728 konsekrierte Kloster, Pfarr- und Wallfahrtskirche. (10) Ab 1888 wurde dann noch die Landschaft um das Kloster herum mit dem Marien- und dem Kreuzberg sowie Prozessionswegen, Rosenkranz- und Kreuzwegstationen, Grotten, Figurengruppen und Kapellen in den Wallfahrtsbereich einbezogen. (11) Darüber hinaus hatte man um das Kloster herum Gelände aufgekauft, wie ab 1909 die Häuser an der Klosterstraße, so dass nach deren Abriss eine neu zu bauende große Wallfahrtskirche auf den Bahnhof hin ausgerichtet werden konnte. (12) Die Versuche des Franziskanerordens, ein für den Neubau geeignetes Areal im Ortszentrum zu erwerben, waren dagegen ohne Erfolg geblieben. (13)

Die widrigen politischen und ökonomischen Umstände der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges haben ein halbes Jahrhundert lang den Bau einer neuen Wallfahrtskirche in Neviges verhindert. Dies zeigt sich an verschiedenen, unausgeführt gebliebenen Planungen, deren Baukörper sich jeweils entlang der Klosterstraße in Ost-West-Richtung entfalten sollten. Der früheste Entwurf stammt von dem Bonner Architekten August Scheidgen aus dem Jahre 1917und zeigt eine viertürmige Basilika in neuromanischem Stil. (Abb. 2) Bei der 1931 von Clemens Holzmeister entworfenen Wallfahrtskirche handelt es sich um einen Hallenbau mit nur leicht angedeutetem Querhaus, Vierungsturm und einem Chorabschluss mit fünf Apsiden, in dem seinerzeit avantgardistischen, schlicht-monumentalen Stil. (14) (Abb. 3) Ein Grundriss ohne Verfasserangabe (15) stammt von 1934 und der Entwurf des Wiesbadener Architekten Paul Johannbroer für eine Sommerkirche von 1958. (Abb. 4) Diese vier Planungen spiegelten die jeweils geltenden Stilvorgaben der Erzdiözese Köln wider. (16) Nur der Architekt Paul Johannbroer ist von dieser Übereinstimmung ausgenommen, denn die traditionalistische Formensprache seines Entwurfs stieß bei dem nach dem zweiten Weltkrieg modernistisch eingestellten Kölner Generalvikariat auf Ungnade. (17)

© 2009 Karl Kiem