14) Wallfahrtskirche Velbert-Neviges, Modell
12) St. Paul, Bocholt 1960-67. Entwurf von 1962
13) St. Hubertus, Aachen 1961-64

Gemäß dem Willen des Erzbischofs erfolgte am 15. Juni 1964 die Beauftragung Gottfried Böhms. (34) Der Architekt hielt sich bei der Erstellung der Baueingabepläne im Wesentlichen an seinen siegreichen Wettbewerbsentwurf und kümmerte sich nicht im Geringsten um die Empfehlung des Preisgerichts, seine Formen zu vereinfachen. Vielmehr wurde die Komplexität der Bauformen so weit gesteigert, dass sich schließlich eine Raumschöpfung mit einer Staunen erregenden Dynamik materialisierte. Diesem Eindruck diente vor allem der Wegfall der vier inneren Stützen im Altarbereich bzw. die Führung der Dachkanten bis zu den dort einspringenden Ecken, wobei die Dächer über den Apsiden in das Hauptdach einschneiden. So wurde aus dem im zweiten Wettbewerbsentwurf noch etwas konventionellen Umgang ein sich mit jedem Schritt in seiner architektonischen Dramaturgie wandelnder Weg.

Die statische Berechnung der Wallfahrtskirche in Neviges erfolgte durch den Bauingenieur Felix Varwick in Köln. (35) Er hatte bereits die Statik einiger Kirchen Gottfried Böhms berechnet, die ebenfalls alle einen freien polygonalen Grundriss und ein Betonfaltwerk als Dach haben (St. Paul in Bocholt, St. Gertrud in Köln sowie Hanbruch in Aachen). Für solch schwierige Fälle hatte Felix Varwick ein eigenes Berechnungsschema entwickelt. (36) Die Bauleitung wurde durch den Architekten Kurt Günssler mit ebenso großer Kompetenz erledigt. Sein geschickter Umgang mit Firmen und Handwerkern bewahrte Böhm vor etlichen Unannehmlichkeiten. (37) Die Werkplanung gestaltete sich als erweiterte Entwurfsphase, die Gottfried Böhm nutzte, um die Komplexität der Bauformen in der Ausformung der Einzelheiten, zum Beispiel an den Stützen, Treppen, an der Kanzel und am Haupteingang weiter zu steigern. Dabei wurde ein Arbeitsmodell mit Wänden und Dächern aus Karton im Maßstab 1:50 verwendet, das entlang der Firstlinie teilbar war, so dass auch der Innenraum gut eingesehen werden konnte. (Abb. 14) Die inneren Ausbauten wurden in Plastilin geformt und dann ins Modell eingesetzt. Die anschließende Erstellung der Bauausführungs- und Detailzeichnungen erfolgte entsprechend dem Fortschritt der Arbeiten auf der im Spätherbst 1965 eingerichteten Baustelle. (38) Die Rohbauarbeiten übernahm die Bauunternehmung Eduard Züblin AG, die sehr bald merkte, dass sie dieses keineswegs einfache Projekt zu knapp kalkuliert hatte. Des ungeachtet führte sie es zum vereinbarten Preis mit hoher Professionalität zu Ende. (Abb. 12, 13)

Eine wesentliche Planänderung betraf die Herstellung des Kirchendaches. Zur Wärmedämmung des Daches waren ursprünglich Platten aus Foamglas mit einer acht Zentimeter dicken, äußeren Schutzschicht aus Beton vorgesehen. Nachdem jedoch der tragende untere Teil des Daches der Sakristei betoniert war und offensichtlich ohne weiteres der Witterung trotze, kam Gottfried Böhm im Juli 1966 auf die Idee, das Dach der Kirche ebenfalls ohne Dämmung und Dichtung herzustellen. Schließlich sollte die Wallfahrtskirche in den Wintermonaten so gut wie nicht benutzt und das Dach ohnehin aus wasserdichtem Beton hergestellt werden, damit es bis zur Aufbringung der Deckung dicht blieb. (39) Auf die Dichtung konnte verzichtet werden, wenn man die Betondeckung für die Bewehrung etwas erhöhte. Auf diese Weise wurde das Dach der Wallfahrtskirche schließlich auch gebaut. (40) (Abb. 8)

Außer der Konstruktion wurde in der Phase der Werkplanung auch die Form des Daches weiterentwickelt. So kamen viele kleinere Auffaltungen neu hinzu, die der Unterbringung und Luftöffnungen dienten und das Dach am Ende kantiger machten. Darüber hinaus wurde im Zusammenhang mit der Veränderung des Grundrisses der Sakristei und der Vergrößerung ihrer Raumhöhe auch dieser Teil des Daches neu geformt. Schließlich bekam die Gnadenkapelle, nachdem man auf den Bau des Kirchturms verzichtet hatte, eine Gaupe zur Unterbringung der Glocke.

9) Wallfahrtskirche Velbert-Neviges, Emporen
10) Wallfahrtskirche Velbert-Neviges, Axonometrie der Emporen in der Entwicklung der Planungen 4.1.1965, 27. 7. 1965 und 21. 12. 1965. Zeichnung Jan Beckedahl

Die Emporen erhielten erst in der Werkplanung ihre spezifische Form. Deren Hauptstützen wurden zunächst auf beiden Seiten jeweils eine Nebenstütze beigefügt. Gleichzeitig kamen bei den Brüstungen, zwischen zwei Nebenstützen noch Unterzüge hinzu, so dass der Bereich um die Stützen jeweils wie ein Turm erscheint, in den die Emporen eingespannt sind. Diese Türme wurden zwischen den Emporen und dem Dach stufenweise auf den tragenden Stützenkern zurückgeführt. (41) Dann erhielten die Grundrisse der Emporen eine größere Zahl von Ecken, und sie wurden in den einzelnen Ebenen teilweise gegeneinander verschoben. Schließlich wurde zwischen den beiden genannten Türmen ein drittes, kleines Emporengeschoss eingeführt, während ihre Überarbeitung in der Ansicht zu balkon- und fensterähnlichen Formen führte. Durch die Zusammenführung von zwei Stützen, die zwischen jenen beiden Türmen liegen, kam ein zusätzliches vertikales Element ins Spiel. (Abb. 9 u. 10)

Diese ausgesprochen plastische Komposition wird noch durch die Lichtführung verstärkt, die von der Anordnung relativ großer Fensterflächen hinter den Emporen bestimmt ist. Insgesamt entstand so bei den Emporen ein räumliches Gebilde, das sich der unmittelbaren rationalen Wahrnehmung sowie der vollständigen Beschreibung entzieht und nur noch aus den einzelnen Schritten des Planungsprozesses wirklich zu verstehen ist. Von der in Beton gegossenen, enormen räumlichen Gestaltungskraft Gottfried Böhms sind auch der Kanzelkorpus sowie eine Vielzahl kleinerer Vorsprünge, Nischen und Aussparungen geprägt. Diese Art der Formgebung durchdringt das ganze Gebäude und gleitet nie ins Willkürliche ab. (Abb. 23)

Die Gestaltung des Ausbaus erfolgte im Kontrast zur intensiven räumlichen Behandlung der tragenden Bauteile in eher zurückhaltenden handwerklichen Formen. Die äußeren Haupteingangstüren bestehen aus einem metallenen Rahmen mit einem quadratischen Raser, in das Glasscheiben eingelassen sind. Die Türdrücker sind ebenfalls von Gottfried Böhm entworfen. Die Beichtstühle, der Schriftenstand, die Sakristeieinbauten und die Innentüren stellen schlichte, elegante und zweckmäßige Schreinerarbeiten aus gekälkter Eiche dar. Bei der Bestuhlung handelt es sich um eine von Gottfried Böhm ebenfalls entworfene Kleinserie mit metallenem Traggerüst und Kunststoffschalen. Auch die Formen der einzelnen in Naturstein ausgeführten Teile des Ausbaus, wie das Lavabo und der Apostelleuchter, sind vollständig im Sinne ihrer spezifischen Funktionen gestaltet.

Die Konsekration der Wallfahrtskirche am 22. Und 23. Mai 1968 wurde mit 7000 Pilgern und einer Predigt des Kardinals zu einer großen Jubelfeier. (42) In den Monaten zuvor hatte die evangelische Mehrheit in Neviges die wachsende Dominanz der katholischen Wallfahrtskirche m Stadtbild mit Argwohn beobachtet und auf den „Betonfelsen“ geschimpft. (43) Im Laufe der Zeit entwickelten die Nevigeser jedoch einen beträchtlichen Stolz auf ihre in aller Welt Aufsehen erregenden Kirche. Auf Seiten des Erzbistums betrachtete man das Gebäude ebenfalls als großen Erfolg und sonnte sich im Glanz der Architekturpreise, die Gottfried Böhm in der Folgezeit nicht zuletzt für seine Wallfahrtskirche erhielt. (44) Und in Neviges fanden sich von nun an neben den Marienwallfahrern auch noch Architekturpilger ein.

© 2009 Karl Kiem