Die Bauformen der Wallfahrtskirche in Neviges sind immer wieder als Zelt interpretiert worden. (63) Dieses sei das Symbol des Pilgers auf der Wanderschaft und mithin der adäquate Ausdruck einer Wallfahrtskirche. Nun gehören zwar der breitkrempige Hut, der Wanderstab und der umhangähnliche Mantel, nicht aber das Zelt zur traditionellen Ausstattung eines Pilgers. (64) Zeltanlagen hat es allenfalls gelegentlich und temporär in der Nähe von Wallfahrtskirchen gegeben. (65) Außerdem dient eine Wallfahrtskirche wie die in Neviges nicht dem Unterwegssein, sondern dem Ankommen. Daher darf unterstellt werden, dass Gottfried Böhm im Falle Neviges’ wohl kaum eine Notunterkunft für Pilger als Metapher für sein Gotteshaus gewählt haben dürfte. (66) Im Übrigen hat auch der Architekt selbst eine solche Zeltmetapher, die oft im Zusammenhang mit der Offenbarung (21, 3, 4) im Neuen Testament angeführt wird, in Abrede gestellt. (67) Mag das Faltdach der Wallfahrtskirche in Neviges in der Fassung des gewonnenen Wettbewerbs noch ganz entfernt einen Zeltcharakter haben, so ist dieser durch die Hinzufügung einer Vielzahl von Auffaltungen und durch den Verzicht auf eine Deckung in der Phase der Werkplanung endgültigabhanden gekommen.

Die äußere Erscheinung der Wallfahrtskirche in Neviges wurde auch mehrfach als Zeichen einer Burg verstanden, etwa im Sinne eines katholischen Bollwerks in der evangelischen Diaspora. (68) Zu den gemeinsamen Merkmalen mag man die relativ wenig durchfensterten Wandflächen und die turmartig vorspringenden Bauteile zählen. Das vielfach gefaltete Dach und seine Oberfläche aus Sichtbeton sprechen allerdings deutlich gegen eine Assoziation mit einer mittelalterlichen Adelsburg. Eine nähere Anpassung der Wallfahrtskirche an die Bürgerhäuser der Umgebung aus vor- und frühindustrieller Zeit, wie sie vor kurzem behauptet worden ist, war nach Aussage von Gottfried Böhm, mit dem Hinweis auf den allgemeinen Maßstabssprung zwischenbürgerlichen und sakralen bauten in alten Städten, nicht gewollt. (69) Diese Haltung war auch von der Erzdiözese Köln vorgegeben: „Das Äußere der Kirche (...) zeige schon in seinen Unterschieden sein vom profanen Bauwerk den heiligen Bezirk an.“ (70) Die Tatsache, dass gelegentlich eine der Kanten des Daches der Wallfahrtskirche aus einer bestimmten Perspektive mit der Schräge eines Bürgerhauses parallel verläuft, konnte in Anbetracht der vielen Schrägen des Kirchendaches nicht ausbleiben und sollte deshalb nicht als bewusste oder unbewusste Anpassung fehlinterpretiert werden. (71)

1) Wallfahrtskirche Maria Königin des Friedens (W), Velbert-Neviges 1963-73

Ein anderes Bild, den „Betonfelsen“, hatten die Nevigeser, wie oben erwähnt, bereits während der Bauzeit im Kopf. Dies ergibt in zweifacher Hinsicht Sinn. Zum einen fehlte dem Wallfahrtsziel in Neviges der Charakter eines „Mals“, wie ihn traditionelle heilige Plätze in der Regle aufweisen. Wenn solche Eigenschaften fehlen, ist es für die Wallfahrtsarchitektur typisch, dass ersatzweise ein künstliches Naturmerkmal geschaffen wird. (72) So kann man auch die Äußerung Gottfried Böhms nachvollziehen, bei den Bauformen der Wallfahrtskirche handele es sich um eine Anpassung an die Landschaft des Bergischen Landes. (73) Die gestalterische Auseinandersetzung erfolgte also nicht in erster Linie mit der gebauten, sondern mit der natürlichen Umgebung, und zwar dergestalt, dass den lieblichen Hügeln ein schroffes Felsmassiv hinzugefügt wird, das den Ort nunmehr besonders auszeichnet. Die Setzung eines künstlichen Naturmerkmales findet auch im Gebäudeinneren statt, das als dunkle Grotte gestaltet ist, Das künstliche Felsmassiv kann darüber hinaus auch als Markenzeichen des auf Petrus auf den „Felsen“ zurückgehenden (katholischen) Papsttums gesehen werden. (74) (Abb. 1)

21) Wallfahrtskirche Maria Birnbaum, Sielenbach 1661-68
22) Karmeliterinnenkirche Vilvoorde/Belgien 1663-65

Die auffällige äußere Erscheinung der Kirche stellt ein weiteres typologisches Merkmal der spezifischen Wallfahrtsarchitektur dar, die eine anziehende Wirkung auf Pilger ausüben soll. Dies ist etwa bei der Kirche Maria Birnbaum in Sielenbach (1661 – 68) oder der Wallfahrtskirche Zur schönen Maria in Regensburg (um 1519) der Fall, wo die Dachform, wie das bei Marienkirchen häufig der Fall ist, einem Schutzmantel ähnelt. Darüber hinaus werden Wallfahrtskirchen gerne durch Apsiden und Annexe aufgebläht, so dass ein plastischer und abwechslungsreicher, in jedem Fall aber auffälliger Baukörper entsteht, wobei Grundriss und Dachform miteinander in Einklang stehen. (75) Unter den alten Wallfahrtskirchen erinnert insbesondere die Karmeliterinnenkirche im belgischen Vilvoorde (1663 – 65), mit ihren als drei Sechstel ausgebildeten Seitenkapellen, an die Wallfahrtskirche in Neviges. Bei deren intendiertem inneren Achteckgrundriss handelt es sich möglicherweise um einen Verwies auf die Aachener Pfalzkapelle (um 800), die ebenfalls eine Marienwallfahrtskirche darstellt. (76) Die Wallfahrtskirche Maria Hilf in Freystadt (1700 – 1710) und Einsiedeln (1735) sind weitere Beispiele für achteckige Grundrisse. Solche Übernahmen von baulichen Charakteristika sind in der Wallfahrtsarchitektur üblich und gestatten es, durch den Besuch einer Wallfahrtskirche geistig gewissermaßen gleich mehrere Wallfahrtsorte aufzusuchen. (77) (Abb. 21 u. 22)

 

Die stark plastische Ausprägung der Kirche in Neviges auf die Tatsache zurückzuführen, dass Gottfried Böhm neben der Architektur auch noch Bildhauerei studiert hat, ist also schon aus typologischen Gründen nicht statthaft. (78) In diesem Zusammenhang ist aber auch zu berücksichtigen, dass plastisches Gestalten zu den Grundlagen der Architektenausbildung gehört und dass ausgeprägt plastische Bauten, wie zum Beispiel die Wallfahrtskirche in Ronchamp von Le Corbusier oder die Philharmonie in Berlin von Hans Scharoun, von Architekten stammen, die nicht explizit Bildhauerei studiert haben. Gottfried Böhm ist immerhin nie so weit gegangen wie Le Corbusier der in Ronchamp, mit der nichttragenden Südwand und dem hohlen Dach, Bauteile, bei denen es sich tatsächlich um weitgehend frei komponierte Plastiken handelt. Dagegen können bei der Wallfahrtskirche in Neviges alle Formen auf eine zumindest weiter gefasste Funktion zurückgeführt werden, wie etwa das Dach, dessen Faltung sich, wie oben beschrieben, aus dem Polygon des Grundrisses entwickelt. Natürlich findet sich in der Formensprache der Wallfahrtskirche in Neviges, insbesondere beim polygonalen Grundriss, auch die eigene Handschrift von Gottfried Böhm wieder. Aber von freien, in Bauwerke umgesetzten Bildhauerarbeiten wie St. Clement in Bettlach (1963-69) von Walter Maria Förderer oder der Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Wien (1964, 1974-76) von Fritz Wotruba darf die Wallfahrtskirche in Neviges deutlich abgegrenzt werden. (Abb. 25 u. 26)

25) Fritz Wotruba: Kirche zur heiligen Dreifaltigkeit, Wien/Österreich 1964-76
26) Walter Förderer: St. Clemens, Bettlach/Schweiz 1963-69

Der oben beschrieben Wettbewerb zeigt, wie deutlich der Böhm’sche Entwurf für die Wallfahrtskirche in Neviges qualitativ das zeitgenössische Establishment der Architektur überragte. Die Anforderungen des Bauherrn haben dann dazu geführt, dass Gottfried Böhm bei diesem Projekt sichtlich über sich selbst hinauswuchs. So entstand mit der Wallfahrtskirche in Neviges ein außergewöhnlich vielschichtiges und widersprüchliches Gebäude. Sie ist ein Sonderling an ihrem Ort, doch als künstliche Natur hat sie keine Konflikte mit den übrigen Bauten. Der architektonische Entwurf des Gebäudes ist deutlich zeitgebunden und doch tief in der Tradition verwurzelt. Die räumlich sehr differenzierte architektonische Formensprache, die zunächst vielfach willkürlich erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung vor allem aus der Funktion heraus entwickelt. Angesichts all dieser Eigenschaften darf die Wallfahrtskirche in Neviges tatsächlich zum engeren Kanon der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts gezählt werden.

© 2009 Karl Kiem